Organisation zur Umformung des Kinos

«KINO», KULTUR UND KUNST

von Joseph-Anton Schneiderfranken (Bô Yin Râ)

Seit Jahren bringt das Kino seine Schauerdramen, seine verlogenen Detektivgeschichten und unmöglichen Sensationsfilme, ohne daß irgendein Mensch Einspruch erhoben hätte, bis in die jüngste Zeit.

Nun allerdings dämmert es allmählich, und es finden sich, ganz abgesehen von den verschiedentlichen Demonstrationen der Jugend, die wohl nicht gerade zweckmäßig sein dürften, immer mehr gewichtige Stimmen im Kampf gegen den «Kinoschund».

Einsichtige sahen zwar längst, welche Seuche sich da in unsern Volkskörper fraß, aber ihr Unwille gedieh nicht zu lautem Einspruch, und wenn je einer es wagte , das Kind beim Namen zu nennen, fanden seine Worte wenig Widerhall.

Auch heute darf man sich nicht dem frommen Glauben hingeben, man hätte die Mehrzahl der ernst zu nehmenden Menschen hinter sich, wenn man auf die Schädlichkeit der Kinodarbietungen hinweist. In weiten Kreisen, von denen man annehmen sollte, daß die psychologische Bedenklichkeit der Kinodramen für sie durchschaubar sei, begegnet man einer unbegreiflichen Laxheit des Urteils.

Man glaubt, weil man selbst imstande ist, ohne seelischen Schaden die albernsten Absurditäten des Flimmerbildes an sich vorüberziehen zu sehen, es handle sich im Grunde doch nur um eine «recht harmlose Sache», denn man kann, oder mag sich nicht in den Seelenzustand der jugendlichen oder des nur bedingt urteilsfähigen Volkes versetzen, um so die vergiftende Wirkung der allermeisten Filmspiele zu erkennen.

Ich denke dabei durchaus nicht etwa nur an Darstellungen, deren ganze Absicht es ist, die Sinne aufzureizen, auch wenn keinerlei Nacktheit, keinerlei im Sinne der Zensur «unsittliche» Situationen gezeigt werden, obwohl ich auch wieder in keiner weise denen beipflichten kann, die das gröbste Erregen der Sinnlichkeit beinahe als Kulturzweck feiern, denn ich bin der Ansicht, daß die sinnlichen Triebe im Menschen von Natur aus stark genug wirksam sind, und bei gesunden Menschen, am wenigsten bei jugendlichen, der besonderen Aufpeitschung gewiß nicht bedürfen. - -

Jedenfalls nimmt das Kino in dieser Beziehung keine Ausnahmestellung ein, denn was die plumpe Absicht, sinnlichen Kitzel zu erregen betrifft, so leistet da so manche «Industrie» mindestens Ebenbürtiges, von der Postkarte angefangen bis zum literarischtuenden Roman und dem auf die Börse der Theaterbesucher wie ein Strauchdieb spekulierenden Schauspielkitsch.

Viel schlimmer erscheint mir die verheerende Wirkung der Kinodramen zu sein, durch die Verlogenheit der Darstellungen und ihres Milieus. -

Die Filmindustrie, die letzten Endes für alle Schäden allein verantwortlich ist, denn der Kinobesitzer nimmt, was sie ihm bietet, weil er ja nichts anderes bekommen kann, tut sich nicht wenig darauf zu gute, so realistisch wie möglich zu arbeiten. Aber man sehe sich diesen« Realismus » einmal etwas genauer an! Wo in aller Welt gibt es soviel Tagediebe wie im Kinodrama?

Wo in aller Welt leben Menschen der Arbeit, Gelehrte, Erfinder, Kaufleute, Künstler, in der Art und Weise, wie das Kino ihr Leben zu zeigen vorgibt?  Wo in aller Welt können sich normal begüterte Menschen den Luxus des Milieus leisten, der in diesen Kinodramen immer wiederkehrt? -

Die protzig überladene Wohnung eines Schiebers in Berlin WW, mag er nun seinen Reichtum vor, im, oder nach dem Krieg «gemacht» haben, ist doch gewiß nicht der Typus der Wohnung eines jeden Begüterten! - Und ebenso wenig pflegen sich Männer und Frauen anständiger, besitzender Kreise in der Art zu kleiden, wie es die männliche und weibliche Lebewelt der großstädtischen Nachtlokale liebt, die sich das auf anderer Leute Kosten leisten kann.

Was soll der einfache Mann aus dem Volke, der ohnehin schon mit bitteren Gefühlen von einem Leben  der « Reichen» träumt, wie es höchstens in seltenen Auswüchsen einmal bei einem Geldprotzen, der aus der Hefe einer Großstadt aufstieg, zur Wirklichkeit wird, - was soll der Jugendliche, der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, bei solchen Schilderungen aufnehmen, wenn nicht Haß und Wut auf alle diese reichen Müßiggänger, oder, im besten Fall, eine völlig überspannte Vorstellung von dem Leben begüterter Kreise und angesehener Berufe, und eine ebenso überspannte Sucht, es ihnen nach Möglichkeit bald gleichtun zu können ?! - - -

Hier steckt meines Erachtens die allerübelste Wirkung der Kinodramen, übler noch als die Geschmacksverbildung in literarischem Sinn, und übler als alle kitschige Erotik. - Die Wirkung ist um so verderblicher, weil ja das Kino wirkliches Leben vortäuschen will und von dem naiven Beschauer auch ohne weiteres als genaue Darstellung des Lebens, wie es wirklich seiner Meinung nach ist, genommen wird. Alles spielt ja in natürlicher Umgebung. Das Leben der Straße spielt mit, wie es sich gerade trifft, wirkliche Gärten und Parks, wirkliche Häuser und wirkliche freie Luft bilden den Hintergrund der Szenen. Unwillkürlich wird auch die «Wirklichkeit »der Innenräume, die nicht wie beim Theater, Kulisse sind, den Eindruck verstärken, man habe es mit wirklichen Begebnissen zu tun. -

Dazu kommt noch, daß doch die meisten Kinoschauspieler und Schauspielerinnen als solche mehr oder weniger «Talmi» sind, von Ausnahmen abgesehen, wo sich eine wirkliche Bühnengröße des Geldverdienstes wegen für das Kino hergibt. Die allermeisten dieser Akteure stammen gewiß nicht aus vornehmen Häusern, kennen das Leben des wirklichen Aristokraten gewiß nicht aus eigener Anschauung, und so geben sie in ihrer Rolle eben, was sie geben können: - Talmi und Kitsch. - Von der Verlogenheit historischer Milieus oder ethnographischer Schauplätze und ihrer agierenden Charaktere sei hier nur nebenbei noch die Rede. Auch hier wird alles, was wirklich belehrend und wertvoll sein könnte, durch eine unsäglich alberne Aufmachung verdorben, und der ohnehin schon allem Kitsch wohl geneigte Geschmack der Menge in geradezu raffinierter Weise noch unter sein ursprüngliches Niveau herabgedrückt.

Das gleiche gilt von den, aller Lebenswirklichkeit hohnsprechenden, so sehr beliebten Detektivgeschichten, die noch außerdem oft geradezu wie« Lehrkurse für Verbrecher und solche, die es werden wollen», wirken. Es wäre eine interessante Aufgabe für Kriminalisten, bei den Verbrechen Jugendlicher, oder sonst Unbescholtener, einmal nach zu forschen, welcher Prozentsatz da auf eine «erste Anregung» aus dem Kino entfällt . - -

Man sieht, es hat gute Gründe, wenn ernste Männer und Frauen heute mit Sorge das «Kinoproblem» betrachten, wenn man endlich anfängt zu sehen, welche verheerende Seuche da mitten unter uns wütet, und nach Mitteln sucht, sie ein zudämmen. - -

Wie ich schon bemerkte, ist es gänzlich verkehrt, den Kinobesitzer als den Schädling anzusehen. Ein solcher Unternehmer würde mit Freuden auch die kulturell wertvollste Einrichtung mit geicher Liebe ausgestalten, wenn sie ihm mehr, oder auch nur gleichen Gewinn bringen könnte .

Und wenn heute wirklich gute, wirklich belehrende Filme überhaupt in so reicher Menge zu haben wären wie der überreich angebotene glänzende Schund, dann würden sich schon heute auch Lichtspieltheater finden, deren Programm auch einen leidlich geschmackvollen, und vor allem verantwortungsbewußten Menschen den Besuch nahelegen könnte.

Der Kardinalpunkt der ganzen Frage ist die Filmbeschaffung, und da wieder nur läßt sich etwas erreichen, wenn ein genügend starker Druck auf die bestehenden Filmgesellschaften ausgeübt werden kann, der ihnen die Frage überhaupt erwägenswert erscheinen läßt .

Bis jetzt « geht » d a s Geschäft ja auch so. - Weshalb also etwas ändern, wenn der übergroße Teil des Publikums doch äußerst zufrieden mit dem Gebotenen ist? - Ohne eine große, über ganz Deutschland verbreitete Organisation wird sich niemals die Stimmstärke entwickeln, die kraftvoll genug ist, das Ohr dieser Finanzmagnaten aufhorchen zu lassen.

Konkurrenzgesellschaften zu gründen, die «nur Gutes» bringen sollen, halte ich für völlig verfehlt . Die bestehenden Gesellschaften arbeiten mit einem eingespielten Riesenapparat und mit Riesenkapital. Sie allein werden auch weiterhin diktieren, und ihr Joch ist der Menge süß. -

Wenn schon die Jugend, hier und an andern Orten, sich der Kinofrage annahm, so meine ich, wäre es g a r nicht so übel , wenn auch von der Jugend die Bildung einer machtvollen deutschen Organisation zur Umwandlung des Kinos ausginge . - Hier wäre jedenfalls ein ausgiebigerer Erfolg zu erwarten, als er jemals von den doch recht daneben hauenden Demonstrationen in Lichtspieltheatern zu erhoffen ist. -

An Unterstützung würde es wahrhaftig nicht fehlen. Ist erst ein Anfang gemacht, dann zweifle ich nicht mehr, daß in ein paar Jahren auch gute Filme in genügender Menge hergestellt werden, «der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb » , was die Filmgesellschaften anlangt.

...

Man kommt in erster Linie, um bewegtes Leben auf der Leinwand zu sehen. Daß dieses bewegte Leben eminent bedeutend, belehrend, erheiternd, und in höchstem Grade interessant sein kann, ohne verderblich zu wirken, steht außer Frage.

Aber die prächtigen Möglichkeiten des Filmbildes, das uns alle Wunder der Märchenwelt als Wirklichkeit schauen lassen, und die tiefste ursprüngliche Poesie vermitteln kann, werden niemals in einer andern, als der dem Berliner Nachtkaffeehaus angepaßten Weise ausgenützt werden, wenn sich nicht in ganz Deutschland eine achtunggebietende Anzahl von Männern und Frauen findet (die männliche und weibliche Jugend rechne ich hier in erster Linie dazu), die wenigstens unsern deutschen Filmgesellschaften einmal mit aller Deutlichkeit sagen, wie das deutsche Volk die an sich so wunderbare Erfindung des beweglichen Lichtbildes verwertet wissen will...

 

Auszug aus dem gleichnamigen Kapitel aus Nachlese 2

 

Alle Bücher des Lehrwerks von Bô Yin Râ sind hier im Internet als pdf.files mit vollständigem Text abrufbar.

 

Mit freundlicher Genehmigung des Kober Verlag, Rapperswil

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